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Mike Markkula

Mike Markkula im Büro von Apple (1977)
Mike Markkula im Büro von Apple (1977)

Steve Jobs und Steve Wozniak sind in die Computer-Geschichte als die Gründer von Apple Computer eingegangen. Einer breiteren Öffentlichkeit blieb dabei verborgen, dass im Hintergrund ein Mann wirkte, ohne den es den Erfolg von Apple Computer nie gegeben hätte. Die Rede ist nicht vom dritte Apple-Gründer Ronald Wayne, der nach knapp zwei Wochen schon wieder ausstieg und seinen Anteil von zehn Prozent wieder zurückgab, sondern von Mike Markkula, der als Investor und Manager eine maßgebliche Rolle bei Apple spielte.

Im Herbst 1976 suchte Jobs nach Investoren, um die Produktion des neu entwickelten Apple II finanzieren zu können – und landete nach einer kurzen Odyssee bei Mike Markkula, der bereits als junger Mann bei Fairchild und Intel durch Aktien-Optionen ein Millionenvermögen angehäuft und sich mit 32 Jahren aus der Halbleiter-Industrie in ein Leben als „Privatier“ verabschiedet hatte.

Atari-Gründer Nolan Bushnell
Atari-Gründer Nolan Bushnell lehnte 1976 eine Investition in Apple ab

Der Finanzbedarf der Garagenfirma Apple war – zumindest aus der Perspektive der mittellosen Gründer – enorm: Allein  für die Fertigung des Plastikgehäuses hatte Jobs ein Investitionsvolumen von 100.000 Dollar kalkuliert. Insgesamt benötigte die junge Firma über 200.000 Dollar, um den von Steve Wozniak („Woz“) konstruierten Apple II Wirklichkeit werden zu lassen. Jobs fragte zunächst Nolan Bushnell, den Gründer von Atari, ob er nicht für 50.000 Dollar ein Drittel der Anteile von Apple übernehmen wolle. Schließlich hatte Bushnell Jobs einige Jahre zuvor bei Atari eingestellt – wegen seiner fehlenden sozialen Kompetenz war der junge Mann allerdings in die Nachtschicht bei Atari verbannt worden. „Ich war so schlau, Nein zu sagen“, erinnerte sich Bushnell gegenüber Steve-Jobs-Biograf Walter Isaacson später mit einem sarkastischen Unterton an die verpasste Chance seines Lebens. „Es ist irgendwie lustig, daran zu denken, wenn mir nicht gerade die Tränen kommen.“


Atari-Gründer Nolan Bushnell erzählt von seiner verpassten Chance des Lebens

Bushnell sagte aber Jobs nicht nur einfach ab, sondern verwies seinen langhaarigen Schützling an den ehemaligen Marketingmanager von National Semiconductor, Don Valentine, der sich inzwischen mit dem Risikokapital-Unternehmen Sequoia Capital selbstständig gemacht hatte.

Don Valentine
Don Valentine

Doch Don Valentine konnte damals zu dem wie ein Hippie auftretenden Steve Jobs keine vertrauensvolle Beziehung aufbauen, der ihm wie eine Verkörperung von Ho-Chi Minh erschien. Valentine empfahl Jobs immerhin, bei Apple einen Manager mit Erfahrung reinzuholen, um die für ein erfolgreiches Unternehmen notwendigen Strukturen zu schaffen, und gab Jobs die Namen von drei möglichen Kandidaten. Der erste passte dem jungen Apple-Gründer nicht, der zweite wiederum konnte den Hippie Jobs nicht leiden. Der dritte Kandidat war Mike Markkula.

Markkula wurde Jobs auch von Regis McKenna, einem der ersten Marketing-Gurus im Silicon Valley, empfohlen. „Steve Jobs rief bei Intel an und fragte nach jemandem, der ihnen helfen könnte und wen Intel empfehlen könne“, sagte McKenna in einem Interview eines Projektes der Stanford University. Auch er riet Jobs dazu, Markkula als Manager an Bord zu holen. Regis McKenna arbeitete dann später ebenfalls für Apple. Ein Mitarbeiter von McKenna, Rob Janoff, entwarf 1977 das berühmte Apple-Logo in Regenbogenfarben.

Mike Markkula wurde am 11. Februar 1942 in Los Angeles als Armas Clifford Markkula geboren. Er studierte an der University of Southern California Elektrotechnik (mit den Abschlüssen Bachelor of Science und Master of Science), bevor er dann in der Halbleiter-Industrie Karriere machte und ein Vermögen anhäufte. Zu dem Zeitpunkt, als Markkula von Valentine ins Gespräch gebracht wurden, hatte es sich der ehemalige Intel-Manager zur Gewohnheit gemacht, jeden Montag mit der Beratung von Start-up-Unternehmen und jungen Unternehmern zu verbringen, um nicht nur auf der faulen Haut zu liegen.

„Als ich bei der Garage eintraf, war Woz über die Werkbank gebeugt und führte sofort den Apple II vor“, erinnerte sich Markkula. „Ich sah über die Tatsache, dass beide Jungs dringend einen Haarschnitt benötigten, hinweg und war überrascht von dem, was ich auf der Werkbank sah. Einen Haarschnitt kannst du schließlich immer bekommen.“ Zwischen den beiden Apple-Gründern und Markkula stimmte die Chemie sofort. Der Manager brachte nicht nur seine Business-Erfahrungen ein, sondern konnte sich wie Jobs und Woz für die Produkte von Apple begeistern. Markkula entwarf in weiten Teilen den Businessplan, mit dem sich Apple vom kleinen Markt der Computer-Hobbyisten lösen wollte. 1977 bürgte er für einen Kredit von 250.000 Dollar und verschaffte Apple damit den notwendigen Spielraum, um den Apple II auf die Straße zu bekommen. Letztlich investierte Markkula 142.000 Dollar von seinem eigenen Geld in das Unternehmen und bekam dafür ein Drittel der Apple-Anteile. Um weitere Investoren anzulocken, stockte Apple das Grundkapital auf. Damit kam auch Don Valentine wieder ins Spiel, der Jobs zwar nicht mochte, der aber einen Riecher hatte, dass Apple mal ein ganz großes Ding werden wird. Valentine steckte 150.000 Dollar in Apple.

Arthur Rock auf dem Titel von Time Magazine (1984)
Arthur Rock auf dem Titel von Time Magazine (1984)

Der dritte Kapitalgeber war Arthur Rock, eine Legende im Silicon Valley, der zu den Begründern des Risikokapitalgeber-Business in Kalifornien gehört. Er hatte die Traitorous Eight (deutsch: „Die verräterischen Acht“) finanziert –  acht Unternehmer, die im Jahre 1957 das Shockley Semiconductor Laboratory verlassen hatten, um Fairchild Semiconductor zu gründen. Die Acht waren Victor Grinich, Robert Noyce, Gordon Moore, Eugene Kleiner, Julius Blank, Sheldon Roberts, Jean Hoerni und Jay Last.

Arthur Rock konnte den ungepflegt auftretenden Steve Jobs nicht leiden, auch weil dieser zusammen mit seinem Kumpel „Woz“ mit seinen illegalen „Blue-Box“-Geschäften prahlte, mit denen die jungen Tüftler die Großrechner der Telefongesellschaften ausgetrickst hatten, um kostenlos Telefonate in alle Welt führen zu können.

And I met with Jobs and Wozniak and, gee, I really didn’t think I wanted to be involved with them who were very young. Steve Jobs had just returned from six months in India with a, with a guru or whatever you call them. And they, they, they didn’t appear very well and they were bragging about the blue box they had invented to steal money from the telephone companies. And I didn’t like that too much.
Arthur Rock im  Interview with Rob Walker am 12. November 2002 im Rahmen des The Silicon Genesis Project der Stanford University.

Rock ließ sich aber durch einen Besuch auf einer der ersten Messen für Personal Computer überzeugen, wo der Stand von Apple so umlagert war, dass Rock es gar nicht zum Stand selbst schaffte.

Markkula kept, kept after me and said, „Well, you got to come down to the Homebrew Computer Show in, in San Jose.“ It’s at some auditorium, which is a huge auditorium. Finally I, I decided I would go down. And there were all these booths at this computer show as there are at all these kinds of shows, and there’s nobody at any of these booths. They were all at the Apple booth. And I could not get close to the Apple booth. I mean, here I was just came down to see Apple and I, I couldn’t even get there. So I decided there must be something to this.

Mit der Kapitalaufstockung zugunsten von Vatentine und Rock blieben Markkula, Jobs und Wozniak jeweils 26 Prozent der Aktien der Kapitalgesellschaft, die am 3. Januar 1977 als Apple Computer Company offiziell gegründet worden war. Markkula wurde Angestellter Nummer 3 bei Apple, übernahm die Position des Chairman (Januar 1977 bis März 1981) und kümmerte sich neben den großen finanziellen Rahmenbedingungen um das Marketing.

Um den Personal Computer aus der Ecke der obskuren Teilnehmer der Sitzungen um Homebrew Computer Club herauszuholen, stand Apple damals vor der riesigen Herausforderung, den gewöhnlichen Konsumenten zu erklären, wozu sie einen PC überhaupt brauchen können. „Wenn man 1976 hundert Leute auf der Straße gefragt hätte, ob sie einen Personal Computer haben wollen, hätten sie alle gefragt: ‚Was soll das denn sein?'“, sagte Markkula 2011 rückblickend im Film „Something Ventured“. Er ahnte aber damals schon, dass Apple innerhalb weniger Jahre zu einem Fortune-500-Unternehmen aufsteigen sollte, wenn die Verbraucher erst einmal erkennen, was sie auf einem Computer überhaupt machen können.

Bei der Vermarktung von Personal Computern im Kreis der Privatanwender konnte sich Apple aber nicht allein auf die Hinweise beschränken, wie nützlich ein PC sein kann. Das Produkt musste begehrenswert sein. In einen prägnant formulierten Maifest „The Apple Marketing Philosophy“ schrieb Markkula auf einer Seite drei Prinzipien fest, auf die sich Apple letztlich noch heute beruft:

  1. Empathie
    Apple sollte nach einer innigen Verbindung zu den Gefühlen der Kunden streben. „Wir werden ihre Bedürfnisse besser verstehen, als jede andere Firma.“
  2. Focus
    „Um erfolgreich zu sein, muss Apple alle seine Bemühungen darauf konzentrieren, seine Haupt-Ziele zu erreichen. Dafür müssen wir alle unwichtigen Geschäftsmöglichkeiten außer Acht lassen.“
  3. Imputation
    Ein Unternehmen oder ein Produkt wird vom Verbraucher auf der Grundlage der Signale bewertet, die es aussendet. „Die Menschen beurteilen ein Buch tatsächlich nach seinem Cover. Auch wenn wir vielleicht das beste Produkt, die beste Qualität, die nützlichste Software anbieten können, wenn wir all dies auf eine schlampige Art tun, dann wird es auch als schlampig angesehen werden. Präsentieren wir es aber auf kreative, professionelle Weise, dann ‚imputieren“ wir ihnen unterschwellig die gewünschte Qualität.“ („Imputation“ ist eigentlich ein von Luther besonders betonter Grundbegriff der christlichen Rechtfertigungs- und Gnadenlehre, nach der dem sündigen Menschen als Glaubenden die Gerechtigkeit Christi angerechnet und zugesprochen wird.

Die besonderen Verpackungen von Apple-Produkten, die Steve Jobs insbesondere nach seiner Rückkehr zu Apple 1997 immer weiter perfektioniert (und zum Teil auch patentiert) hat, sind schon in der DNA zu finden, die Mike Markkula dem jungen Unternehmen 1977 eingeimpft hat.

Die Beziehung zwischen Jobs und Markkula war vielschichtig. Walter Isaacson spricht in seiner Jobs-Biografie davon, dass Markkula für Jobs „eine Vaterfigur“ wurde. „Zwischen Markkula und Steve entspann sich eine regelrechte Vater-Sohn-Beziehung“, zitiert Isaacson den Risikokapitalgeber Arthur Rock. Markkula unterwies Steve in Marketing und Absatz. „Mike nahm mich buchstäblich unter seine Fittiche“, sagte Jobs. „Seine Wertvorstellungen entsprachen den meinen. Er unterstrich, dass man ein Unternehmen nie mit dem Ziel gründen sollte, reich zu werden. Das Ziel sollte vielmehr sein, etwas auf den Markt zu bringen, woran man glaubt, und ein Unternehmen zu schaffen, das von Dauer sein würde.“

Die Beziehung von Steve Jobs und Mike Markkula war aber auch von Konflikten gekennzeichnet. Markkula setzte durch, dass nicht einer der beiden jungen Apple-Gründer die Position des Chief Executive Officers (CEO) einnahm, sondern trug im Februar 1977 seinen ehemaligen Fairchild-Kollegen Michael („Scotty“) Scott den Posten des Apple-CEO an. „Scotty“ war damals 34 Jahre alt und verfügte als Schwergewicht im wahrsten Sinne des Wortes über ein dickes Fell, um die Auseinandersetzungen mit dem damals 22 Jahre alten Steve Jobs unbeschadet zu überstehen, der sich bei Apple teilweise als junger Wilder aufführte und etliche Mitarbeiter terrorisierte.

Jobs war aber als Unternehmensgründer nur schwer zu kontrollieren. Nachdem die zunächst von Jobs verantwortete Entwicklung des Apple Lisa aus dem Ruder lief, verpassten Markkula und Scott ihrem Unternehmen im September 1980 eine umfassende Umstrukturierung, die eigentlich nur das Ziel hatte, Jobs unkonstruktives Verhalten in den Griff zu bekommen. Sie ernannten den Ingenieur John Couch zum Leiter der Lisa-Abteilung. „Jobs verlor damit die Kontrolle über den Computer, der nach seiner Tochter benannt war, und außerdem seinen Posten als Vizepräsident“, schreibt Isaacson. „Stattdessen wurde er zum Non-Executive Chairman of the Board ernannt. So blieb er zwar in der Öffentlichkeit die Identifikationsfigur, konnte jedoch keine Anweisungen mehr erteilen. Das tat weh.“ Dieser Schritt hatte auch Auswirkungen auf das Verhältnis zu seinem Business-Ziehvater: „Ich war wütend und fühlte mich von Markkula verraten“, sagte Jobs. „Er und Scotty trauten mir die Leitung der Lisa-Abteilung nicht zu. Ich habe lange gebraucht, um darüber hinwegzukommen.“

Mike Scott, Steve Jobs, Jef Raskin, Chris Espinosa, Steve Wozniak
Mike Scott, Steve Jobs, Jef Raskin, Chris Espinosa, Steve Wozniak

Trost für Jobs dürfte im Dezember 1980 der Börsengang von Apple gespendet haben. In der am höchsten überzeichneten Erstemission seit dem Börsengang der Ford Company im Jahr 1956 wurde Apple mit 1,79 Milliarden Dollar bewertet. Jobs war 25 Jahre alt und verfügte über ein Vermögen von 256 Millionen Dollar.

Nachdem Markkula und Scott dem wilden Unternehmensgründer das Lisa-Projekt entzogen hatte, stürzte sich Jobs auf das Macintosh-Projekt von Jef Raskin, das im Jahr zuvor von Scott und Markkula abgesegnet worden war. Er drängte Raskin aus dem Projekt heraus und trieb in den kommenden drei Jahren mit einem legendären Team die Entwicklung des Apple Macintosh voran. Seinen Triumph feierte Jobs am 24. Januar 1984, als der Apple Macintosh mit einem bislang nicht dagewesenen Tamtam als Alternative zum drögen IBM-PC auf den Markt gebracht wurde. Doch schon kurz nach der Premiere des ersten Mac zeichnete sich ein neuer Konflikt mit der Unternehmensführung ab. Inzwischen stand der ehemalige Pepsi-Manager John Sculley als CEO an der Spitze von Apple, nachdem Michael Scott 1981 nach einer Kündigungs-Aktion („Black Wednesday“) entnervt das Handtuch geworfen hatte. In der Übergangsphase ab Januar 1981 hatte Markkula selbst die Position des CEO und President inne, im April 1983 übergab er beide Posten an John Sculley.

Dynamic Duo: Steve Jobs und John Sculley
Dynamic Duo: Steve Jobs und John Sculley

Jobs hatte Sculley in Abstimmung mit Markkula persönlich von der Ostküste nach Kalifornien gelockt (“Möchten Sie wirklich den Rest Ihres Lebens damit verbringen, Zuckerwasser zu verkaufen oder die Chance zu ergreifen, die Welt zu verändern?”). Sculley sollte bei Apple die Methoden des modernen Marketings einführen. Zunächst traten Sculley und Jobs einträchtig in der Öffentlichkeit als „Dynamic Duo“ auf. Doch nach der Einführung des Macintosh zeigte sich schnell, dass der Rechner mit der neuartigen grafischen Bedienungsoberfläche sich nicht so sensationell gut verkauft, wie Jobs es allen versprochen hatte. Im Frühling 1985 kam es zum Showdown: Mit Unterstützung von Markkula und dem Apple Board riss Ende März 1985 Sculley das Ruder herum und entzog Jobs die Leitung der Macintosh-Gruppe. Jobs unternahm im Mai 1985 noch einmal den Versuch, das Board of Directors umzustimmen und Sculley zu entlassen. Zusammen mit einigen Getreuen wollte Jobs seinen Ziehvater Markkula von einem Umstrukturierungsplan überzeugen, der Jobs die Verantwortung übertragen oder ihm zumindest die operative Leitung des Produktbereichs gelassen hätte. Doch Markkula zeigte sich wenig beeindruckt: „Ich sagte, ich würde seinen Plan nicht unterstützen und damit basta“, erinnert sich Markkula laut Isaacson. „Sculley war der Boss. Sie waren wütend und furchtbar emotional und probten den Aufstand. Aber so läuft das eben nicht.“

'Der Fall des Wunderkindes' auf dem Titel von Newsweek
'Der Fall des Wunderkindes' auf dem Titel von Newsweek
Biograf Isaacson vergleicht die Niederlage im Machtkampf im Sommer 1985 mit der traumatischen Erfahrung von Steve Jobs, von seinen leiblichen Eltern nach der Geburt verstoßen worden zu sein. „Als Jobs von den Vaterfiguren Markkula und (Arthur) Rock zurückgewiesen wurde, hatte er erneut das Gefühl, verlassen zu werden.“ Jobs sagte Jahre später: „Es war, als hätte man mir einen Schlag versetzt. Mir blieb die Luft weg, ich konnte nicht mehr atmen.“

Am 17. September 1985 zog Jobs auch formell die Konsequenzen und verließ Apple. In einem Brief an Markkula schrieb er:

Lieber Mike,
heute Morgen deuteten einige Zeitungen an, dass Apple erwägt, mir meinen Posten des Chairman zu entziehen. Ich kenne die Quellen dieser Berichte nicht, aber sie sind der Öffentlichkeit gegenüber irreführend und mir gegenüber unfair.

Du wirst dich daran erinnern, dass ich letzten Donnerstag auf der Sitzung des Board meine Absicht angekündigt habe, ein neues Unternehmen zu gründen, und meinen Rücktritt als Chairman angeboten habe.

Das Board nahm meine Kündigung nicht an und bat mich, sie um eine Woche zurückzustellen. Das habe ich angesichts der vom Board angebotenen Unterstützung des geplanten neuen Unternehmens und der Aussage, Apple wolle investieren, getan. Als ich John Sculley am Freitag mitteilte, wer sich mir anschließen würde, bestätigte er die Bereitschaft von Apple, Bereiche einer möglichen Zusammenarbeit zwischen Apple und meinem neuen Unternehmen ausloten zu wollen.

Seit diesem Zeitpunkt scheint die Firma eine mir und dem neuen Unternehmen gegenüber feindlich gesinnte Einstellung einzunehmen. Folglich muss ich auf der sofortigen Annahme meiner Kündigung bestehen…

Wie du weißt, habe ich seit der vor kurzem erfolgten Umstrukturierung der Firma kein Arbeitsbereich mehr und noch nicht einmal Zugang zu planmäßigen Lageberichten. Ich bin aber erst 30 Jahre alt, möchte immer noch einen Beitrag leisten und etwas erreichen. Nach allem, was wir zusammen auf die Beine gestellt haben, würde ich mir eine Trennung im Guten und in Würde wünschen.

Mit freundlichen Grüßen
Steven P. Jobs

Nach dem bitteren Showdown trennten sich die Wege von Steve Jobs und Mike Markkula für die nächsten elf Jahre. Jobs verkaufte alle seine Apple-Aktien (bis auf eine) und gründete mit dem Verkaufserlös NeXT und kaufte die kleine Trickfilm-Abteilung von George Lucas, aus der dann das Hollywood-Studio Pixar wurde. Markkula blieb bei Apple die graue Eminenz im Hintergrund und konnte sich zumindest die kommenden fünf, sechs Jahre über stetige Einnahmen bei Apple freuen. Allerdings fehlte es Apple-CEO John Sculley an den technischen Visionen und der Business-Strategie, den aufstrebenden Software-Giganten Microsoft in Schach zu halten und die Kopie der Bedienungsoberfläche des Mac durch Windows zu unterbinden oder Windows durch eine wegweisende Neuentwicklung klar in den Schatten zu stellen. Auch der Versuch, mit dem Apple Newton früh in das aufkeimende Geschäft mit „Persönlichen Digitalen Assistenten“ einzusteigen, schlug fehl.

Sculley war es zwar von 1983 bis 1993 gelungen, den Umsatz von Apple von 800 Millionen Dollar auf acht Milliarden Dollar zu verzehnfachen. Doch die Gewinnentwicklung war nicht so erfreulich. Vom Geschäftsjahr 1990 auf 1991 schrumpfte der Gewinn von 537 Millionen Dollar auf 310 Dollar. Danach belastete der Newton-Misserfolg die Apple-Zahlen, so dass Sculley mit Rückendeckung von Markkula und den anderen Board-Mitgliedern nach einem starken Partner wie IBM oder HP Aussicht hielt, der Apple übernehmen oder in einem Merger stärken könne. Als nach einem Zwischenhoch im Finanzjahr 1992 ein Jahr später die Gewinne wieder stark einbrachen, war es für Sculley an der Zeit, den Koffer zu packen. Am 18. Juni 1993 trat er als CEO zurück und wurde durch den aus Berlin stammenden Apple-COO Michael H. Spindler („The Diesel“) ersetzt, der für einen hemdsärmeligen und pragmatischen Management-Stil bekannt war. Am 15. Oktober trat Sculley auch vom Posten des Apple-Chairman zurück, nachdem das Unternehmen einen Tag zuvor wieder katastrophale Bilanzzahlen veröffentlichen musste.

"The Diesel" Michael Spindler
"The Diesel" Michael Spindler
Mit der erfolgreichen Einführung der Power Macs verschaffte Spindler dem angeschlagenen Apple-Konzern noch einmal etwas Luft. Gleichzeitig nutzten der Apple-CEO und Mike Markkula die erfolgreiche Zusammenarbeit mit IBM beim PowerPC-Projekt aus, um eine Übernahme durch IBM auszuloten. IBM-Boss Louis V. Gerstner Jr. bot im Oktober 1994 für jede Apple-Aktie 40 Dollar (fünf Dollar über dem aktuellen Kurs), was einem Wert von 4,5 Milliarden Dollar für das Unternehmen entsprochen hätte. Doch Spindler und Markkula wollten 60 Dollar pro Aktie und einen „Goldenen Handschlag“ für das Apple-Management. Daraufhin brach IBM die Übernahmegespräche ab – und kaufte stattdessen Mitte 1995 Lotus Development.

Das Apple-Management bot sein Unternehmen an wie saures Bier. Aber auch andere Kandidaten wie Canon, Hewlett-Packard, Philips, Sony und Toshiba winkten ab. Die Apple-Krise verschärfte sich durch eine fatale Fehlplanung von Spindler, der die enorme Nachfrage nach den High-End-Modellen der neuen Power-Mac-Reihe komplett unterschätzt hatte. „Unsere Lager waren mit Yugos vollgestopft als jeder einen Mercedes kaufen wollte“, beschrieb der damalige Marketing-Manager Satjiv Chahil das Dilemma.

Bill Gates setzte Apple mit dem Launch von Windows 95 noch mehr unter Druck
Bill Gates setzte Apple mit dem Launch von Windows 95 noch mehr unter Druck

Während Apple-Rivale Microsoft im August 1995 mit dem Launch Windows 95 einen Mega-Erfolg feierte, setzte sich der stete Niedergang von Apple fort, der auch nicht durch die Lizenzierung des Apple-Systems an Clone-Hersteller wie PowerComputing gestoppt werden konnte. Zum Jahreswechsel 1995/1996 legte Sun Microsystems ein Übernahmeangebot vor, bei dem die Apple-Aktie nur noch mit 23 Dollar bewertet wurde, acht Dollar unter dem damaligen Börsenkurs. Erneut musste Mike Markkula die Notbremse ziehen und bestellte das Apple Board am 31. Januar 1996 zu einem Krisenmeeting nach New York, bei dem Michael Spindler als CEO gefeuert wurde und seinen Sitz im Board verlor. Spindlers Nachfolger als CEO und President wurde Dr. Gilbert F. Amelio, der zuvor den angeschlagenen Konzern National Semiconductor saniert hatte und seit November 1994 Mitglied des Apple-Verwaltungsrats war. Amelio übernahm auch den Posten des Chairman of the Board von Markkula, der als Vice-Chairman in die zweite Reihe zurücktrat.

Doch mit dem erneuten Führungswechsel wurde die Apple-Krise nicht gestoppt. Für das 2. Quartal des Geschäftsjahres 1997 musste das Unternehmen einen Verlust von 740 Millionen Dollar verkünden, weil Lagerbestände abgeschrieben und Restrukturierungskosten für die Entlassung von 2.800 Beschäftigten getragen werden mussten. Amelio musste sich vor allem um das Copland-Debakel kümmern. Zehn Jahre nach der Vorstellung des ersten Apple Macintosh benötigte das Betriebssystem des Mac dringend eine neue, modernere System-Architektur. Im März 1994 kündigte Apple das neue System unter dem Codenamen „Copland“ an. Doch auch drei Jahre später ließ Copland weiter auf sich warten. Die Verantwortlichen mussten sich eingestehen, dass es ihnen nicht gelungen war, ein System zu entwickeln, mit dem Apple hätte erfolgreich gegen Windows antreten können. Als Alternative kamen zwei extern entwickelte Systeme in Frage: BeOS, das von der Firma des ehemaligen Apple-Managers Jean-Louis Gassée entwickelt worden war, und OPENSTEP von Steve Jobs‘ Firma NeXT.

Für den Pitch um das neue Apple-Betriebssystem betrat Jobs am 2. Dezember 1996 zum ersten Mal nach seinem Rauswurf 1985 das Apple-Gelände in Cupertino. Acht Tage später traf Steve Jobs im Garden Cout Hotel in Palo Alto auch erstmals nach elf Jahren wieder auf Mike Markkula. „Jobs ging auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Ohne (Avie) Tevanian oder sonstige Unterstützung zog Jobs dann die NeXT-Demo durch“, schreibt Walter Isaacson in seiner Steve-Jobs-Biografie. „Am Ende hatte er das Board vollständig überzeugt.“ Apple übernahm am 4. Februar 1997 NeXT für 427 Millionen Dollar. Jobs erhielt dabei als größter NeXT-Aktionär 100 Millionen Dollar in Cash und 1,5 Millionen Apple-Aktien.

Gil Amelio holte Steve Jobs zu Apple zurück
Gil Amelio holte Steve Jobs zu Apple zurück

Was Apple-CEO Amelio wohl nicht klar war: Mit dieser Entscheidung hatte er seiner Karriere bei Apple ein Ende gesetzt. Am 5. Juli 1997 verlangte Jobs vom Apple-Board, Amelio als CEO und Chairman abzulösen. Obwohl der Apple-Gründer nur einfaches Board-Mitglied war, füllte er bereits im Sommer 1997 de facto die Rolle des Apple-Chefs aus.

Mit der Entscheidung für NeXT und dem Comeback von Steve Jobs endete nach 20 Jahren die Ära von Mike Markkula bei Apple. Am 6. August 1997 zog sich der damals 54 Jahre alte Silicon-Valley-Pionier aus dem Board von Apple komplett zurück. In einem Interview mit John Markoff in der New York Times wies Markkula Spekulationen in den Medien zurück, sein Ausscheiden aus dem Apple-Verwaltungsrat habe mit einem Feldzug von Steve Jobs zu tun, der sich wegen der Ereignisse im Jahr 1985 an den damals Verantwortlichen rächen wolle. „Ich wollte schon zwei Jahre vorher gehen“, sagte Markkula. Aber wegen der damaligen Finanznöte von Apple habe er seinen Abschied verschoben, um dann im Januar 1997 zum 20jährigen Firmenjubiläum die Verantwortung abzugeben. Im Boardmeeting im Januar 1997 habe sich aber herausgestellt, dass das Board mit der Arbeit von Gil Amelio unzufrieden war und sich auf die Suche nach einem Nachfolger machte. So habe er sich erst verabschieden können, nachdem Amelio abgelöst und Jobs in das Board aufgenommen war.

Mike Markkula (2011)
Mike Markkula im Film 'Something Ventured' (2011)

Jobs machte nie ein Geheimnis daraus, dass er sich von Markkula 1985 verraten fühlte. „Aber ich habe immer noch einen sehr warmen Platz in meinem Herzen für ihn“, sagte Jobs in dem Interview. Markkula wiederum machte klar, dass er die Umstände des Abgangs von Steve Jobs 1985 als „unfein“ empfand, weil der Apple-Gründer entgegen den Vereinbarungen wichtige Apple-Mitarbeiter abgeworben hatte, um sein neues Unternehmen NeXT zu gründen. Er habe aber Jobs nicht aus dem Unternehmen gedrängt. „Ich wollte nicht, dass er Apple verlässt. Er hatte vielmehr beschlossen, die Firma zu verlassen. Warum sollte ich mich in seinen Weg stellen.“

Markkula verteidigte im Gespräch mit Markoff die Regentschaft von John Sculley, Michael Spindler und Gil Amelio, obwohl die drei CEOs insgesamt Verluste in Höhe von 1,7 Milliarden Dollar angehäuft hatten: „Ich weiß, das Board wird für seine Entscheidungen nach den Fakten beurteilt. Und so sollte es auch sein. Aber über die guten Entscheidungen wird nie geschrieben. Und Sculley, Spindler und Amelio haben viele gute Entscheidungen getroffen.“ John Sculley habe die ersten fünf Jahre einen „großartigen Job“ gemacht. „Aber dann hat er – aus welchen Gründen auch immer – seine Ziele aus den Augen verloren. Ich bin mir noch immer nicht sicher, warum das geschehen ist.“

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