Der Urknall des Personal Computings: Wie der Apple II die Welt eroberte
Im Jahr 1977 glich die Computerwelt eher einem exklusiven Club für Lötkolben-Enthusiasten und Mitarbeiter riesiger Rechenzentren. Doch dann betraten zwei junge Männer die Bühne der West Coast Computer Faire und präsentierten ein Gerät, das alles verändern sollte: den Apple II. Es war nicht weniger als der Beginn einer neuen Ära – der radikale Übergang von der nackten Rechenmaschine hin zum benutzerfreundlichen Gerät für den Massenmarkt.
Wozniaks Meisterstück trifft auf Jobs‘ Vision
Während der Vorgänger, der Apple I, noch als reine Platine ohne Netzteil oder Tastatur ausgeliefert wurde und vom Nutzer selbst in Holzkisten oder Aktenkoffer montiert werden musste, war der Apple II eine Revolution der Bequemlichkeit. Es handelte sich um den ersten Personal Computer, der als fertiges Consumer-Gerät konzipiert war, das man einfach aus dem Regal kaufen, einstecken und benutzen konnte.
Steve Wozniak, das unbestrittene technische Genie im Hintergrund, entwarf die brillante und hocheffiziente Architektur des Systems, die auf dem mit knapp über 1 MHz getakteten MOS Technology 6502 Mikroprozessor basierte. Steve Jobs hingegen verstand, dass die Maschine auch optisch ansprechen musste, um in amerikanische Haushalte Einzug zu halten: Er beauftragte den Designer Jerry Manock damit, ein glattes, ansprechendes Kunststoffgehäuse zu entwerfen, das an moderne Küchengeräte erinnerte. Um das chronische Problem der Überhitzung zu lösen und das Gerät flüsterleise zu machen, steuerte Rod Holt zudem ein revolutionäres Schaltnetzteil bei, das völlig ohne laute Ventilatoren auskam.
Farbe als Sensation und der regenbogenfarbene Apfel
Die absolute Sensation des Apple II war jedoch seine für damalige Verhältnisse beispiellose Fähigkeit, Farbgrafiken auf einem gewöhnlichen Fernseher darzustellen. Diese Innovation war so entscheidend, dass Apple sein Firmenlogo radikal umgestaltete: Der berühmte Apfel erstrahlte fortan in bunten Regenbogenfarben, um genau diese grafischen Fähigkeiten zu unterstreichen. Um die Technik erschwinglich zu machen, nutzte Wozniak clevere Ingenieurs-Tricks, mit denen er teure Bauteile einsparen konnte, etwa indem er die Speicherzugriffe exakt mit dem Videosignal synchronisierte. Zum Verkaufsstart am 10. Juni 1977 kostete das Basismodell mit 4 Kilobyte Arbeitsspeicher 1.298 US-Dollar.
Die „1977er Dreifaltigkeit“ und der Siegeszug des offenen Systems
Das Fachmagazin Byte taufte den Apple II zusammen mit dem Commodore PET 2001 und dem TRS-80 ehrfürchtig die „1977 Trinity“ (Dreifaltigkeit) des Heimcomputermarktes. Doch der Apple II stach aus der Masse heraus. Sein offenes System war sein größter Trumpf: Mit acht internen Steckplätzen ließ sich der Rechner grenzenlos und individuell erweitern. Ob Hobby-Bastler, die eine Steuerung für Modellbaukästen entwarfen, oder Ingenieure, die Industrie-Karten löteten – der Apple II bot für jeden Anwendungsfall die passende Schnittstelle. Die Software steuerte Wozniak zunächst mit seinem selbst geschriebenen Integer BASIC bei, später rüstete Apple jedoch auf das leistungsfähigere Applesoft BASIC von Microsoft auf, um auch Kommazahlen verarbeiten zu können.
VisiCalc: Wie der Computer zum Büromonster wurde

Was den Apple II endgültig vom faszinierenden Spielzeug zur unverzichtbaren Waffe im Geschäftsleben machte, war die Software. Im Jahr 1979 erschien VisiCalc, die allererste Tabellenkalkulation für Mikrocomputer überhaupt. VisiCalc war die sogenannte „Killer-App“, die dem Apple II im Businessmarkt zum absoluten Durchbruch verhalf und die Produktivität in den Büros über Nacht drastisch steigerte. Plötzlich erkannten Manager und Finanzexperten, dass sich die Anschaffung dieses Rechners in kürzester Zeit bezahlt machte. Zudem eroberte Apple mit dem Gerät das amerikanische Bildungssystem, wodurch der Apple II für Millionen von Schülern zum allerersten Kontakt mit der digitalen Welt wurde.
Das Fundament für Apples Zukunft
Die Erfolgsgeschichte des Apple II war von unglaublicher Dauer. Während die IT-Branche extrem schnelle Produktzyklen kennt, wurde die Apple-II-Reihe in verschiedenen weiterentwickelten Varianten (wie dem Apple IIe oder IIc) bis in den November 1993 produziert. Im Laufe dieser 16 Jahre wanderten branchenweit rund 6 Millionen Geräte über die Ladentheken.
Finanziell war der Apple II für das Unternehmen von unschätzbarem Wert: In den frühen 1980er Jahren war er die absolute „Cash Cow“, die fast im Alleingang die massiven Profite erwirtschaftete. Dieses Geld sicherte nicht nur das Überleben von Apple in Krisenzeiten, sondern finanzierte auch die teure Entwicklung des Nachfolgers Apple Lisa und des bahnbrechenden ersten Macintosh. Ohne das Meisterstück von Steve Wozniak und den Vermarktungscoup von Steve Jobs hätte Apple wohl nie die Kraft gehabt, die Technologiebranche über Jahrzehnte hinweg zu dominieren.
