Der Urknall auf einer Platine: Wie Steve Wozniaks Apple I die Computerwelt neu definierte

Es ist schwer, sich heute – in einer Zeit, in der wir Supercomputer in unseren Hosentaschen tragen – die technologische Landschaft des Jahres 1975 vorzustellen. Computer waren entweder raumfüllende Ungetüme, bewacht von Priester-ähnlichen Administratoren in klimatisierten Rechenzentren, oder sie waren Bausätze für eine extrem kleine Nische von Lötkolben-Enthusiasten. Es gab keine Bildschirme, keine Tastaturen im herkömmlichen Sinne. Man kommunizierte über Kippschalter und blinkende Lämpchen.

Ein komplettes Apple-I-Setup bei RR Auction
Ein komplettes Apple-I-Setup bei RR Auction

Dann kam Steve Wozniak. Und mit ihm kam der Apple I.

Rückblickend wird der Apple I oft nur als das „erste Produkt“ von Apple abgetan, ein Sammlerstück, das heute bei Auktionen astronomische Summen erzielt. Doch diese Betrachtung wird dem Gerät nicht gerecht. Der Apple I war technisch und philosophisch ein Meilenstein, der den Übergang vom „Rechner“ zum „Personal Computer“ markierte. Im Zentrum dieser Revolution stand nicht der geschäftstüchtige Steve Jobs, sondern der stille, brillante Ingenieur „Woz“. Den Titel „Erfinder des PCs“ kann Steve Wozniak für sich allein beanspruchen.

Steve Wozniak: Der Mozart des Maschinencodes

Um die Bedeutung des Apple I zu verstehen, muss man Steve Wozniaks Motivation verstehen. Er wollte nicht reich werden. Er wollte nicht einmal eine Firma gründen. Er wollte einfach nur einen eigenen Computer haben und seine Freunde im legendären Homebrew Computer Club in Palo Alto beeindrucken.

Wozniaks Genialität lag in seiner Fähigkeit zur Reduktion. Er arbeitete damals bei Hewlett-Packard (HP) an Taschenrechnern. Sein Design-Ethos war geprägt von Effizienz: Wie erledige ich eine Aufgabe mit so wenigen Chips wie möglich? Jeder Chip kostete Geld, verbrauchte Strom und nahm Platz weg.

Apple I im Deutschen Museum in München
Apple I im Deutschen Museum in München

Der damals dominierende Bausatz-Computer, der Altair 8800, basierte auf dem Intel 8080 Prozessor. Dieser war für einen Hobbyisten wie Wozniak schlicht zu teuer (ca. 179 Dollar). Wozniaks erster Geniestreich war die Wahl des Prozessors: Er entschied sich für den MOS Technology 6502. Dieser Chip war neu, galt als „Billig-Variante“ und kostete nur rund 25 Dollar. Während die Industrie die Nase rümpfte, sah Wozniak die Chance: Er konnte einen Computer bauen, der für normale Menschen bezahlbar war.

Apple I: Die Architektur der Revolution

Was den Apple I technisch zu einem Meilenstein machte, war nicht seine Rechenleistung (1 MHz Taktfrequenz, 4 KB Arbeitsspeicher standardmäßig), sondern seine Architektur in Bezug auf die Mensch-Maschine-Interaktion.

Vor dem Apple I mussten Hobby-Computer-Nutzer Programme bitweise über Schalter an der Frontseite eingeben. Das Ergebnis waren blinkende LEDs. Wozniak fand das archaisch. Er hatte eine Vision: Eine Schreibmaschinentastatur zur Eingabe und einen gewFernseher zur Ausgabe.

Der Apple I war der erste Einplatinen-Computer, der mit einem Videoschnittstellen-Chip ausgestattet war. Wozniak hatte die Logik für ein Terminal direkt auf die Hauptplatine gelötet. Das klingt heute trivial, war aber 1976 eine Sensation.
Der Moment, den Wozniak später als den größten seines Lebens beschrieb, war, als er ein paar Tasten auf seiner Tastatur drückte und die entsprechenden Buchstaben sofort auf dem kleinen Bildschirm vor ihm leuchteten. Es war der Moment, in dem der Computer aufhörte, eine Rechenmaschine zu sein, und zu einem Kommunikationswerkzeug wurde.

Vom Hobby-Projekt zum Industriestandard

Hier kommt die Symbiose der beiden Steves ins Spiel. Während Wozniak seine Schaltpläne im Homebrew Computer Club noch kostenlos verteilen wollte, sah Steve Jobs das kommerzielle Potenzial.

Der entscheidende Wendepunkt war der Auftrag von Paul Terrell, dem Besitzer des „Byte Shop“ in Mountain View. Terrell wollte keine Bausätze, bei denen der Kunde erst noch löten musste. Er wollte fertig bestückte Platinen. Wozniak und Jobs (zusammen mit kurzen Hilfseinsätzen von Daniel Kottke und Patti Jobs) löteten in der Garage der Jobs-Familie die Komponenten zusammen.

Der Apple I wurde schließlich für 666,66 US-Dollar verkauft – ein Preis, den Wozniak wählte, weil er sich leicht tippen ließ und er wiederholende Ziffern mochte (ohne satanischen Hintergedanken).

Es wurden nur etwa 200 Einheiten produziert. Doch die Bedeutung liegt nicht in der Stückzahl. Der Apple I definierte, was ein Computer sein sollte:

  1. Ein Mainboard: Alles auf einer Platine (CPU, RAM, Videochip).
  2. Peripherie: Nutzung von Standard-Geräten (Fernseher) zur Ausgabe.
  3. Software: Wozniak schrieb ein BASIC in Hexadezimalcode, das erstaunlich leistungsfähig war und es Nutzern erlaubte, selbst Programme zu schreiben, ohne Maschinensprache lernen zu müssen.

Warum der Apple I ein Meilenstein bleibt

Man darf den Apple I nicht isoliert betrachten. Er war der „Proof of Concept“ für den Apple II. Während der Apple I noch ein Gehäuse, ein Netzteil und eine Tastatur vom Nutzer selbst erforderte (oft wurden Holzkisten verwendet), nahm Wozniak all die Lehren aus dem Apple I und goss sie ein Jahr später in den Apple II – den ersten echten Massenmarkt-Computer der Geschichte, der Farbe darstellen konnte und ein fertiges Plastikgehäuse hatte.

Ohne die radikale Architektur des Apple I hätte es den Apple II nicht gegeben. Wozniaks Entscheidung, Text direkt auf einen Bildschirm zu bringen, statt über teure Fernschreiber (Teletypes) zu gehen, demokratisierte den Zugang zur Informatik.

Fazit: Wozniaks Meisterstück

Steve Wozniak wird oft als der „andere Steve“ bezeichnet, der liebenswerte Nerd im Schatten des Marketing-Genies Jobs. Doch beim Apple I war Wozniak der alleinige Künstler. Sein Design war elegant, effizient und seiner Zeit weit voraus.

Der Apple I ist ein Meilenstein der Technikgeschichte, weil er die Barriere zwischen Mensch und Maschine niederriss. Er holte den Computer aus den klimatisierten Serverräumen und von den Labortischen der Universitäten direkt auf den Schreibtisch zu Hause. Er war der Funke, der das Feuer der Personal-Computer-Revolution entzündete. Wenn wir heute auf unsere Bildschirme starren und tippen, folgen wir im Grunde immer noch dem Pfad, den Steve Wozniak 1976 mit ein paar Chips auf einer grünen Platine vorgezeichnet hat.


Technische Eckdaten des Apple I (1976):

  • CPU: MOS Technology 6502 (ca. 1 MHz)
  • RAM: 4 KB (erweiterbar auf 8 KB auf der Platine, bis 64 KB extern)
  • Grafik: Textmodus (40 Zeichen x 24 Zeilen), monochrome Ausgabe auf TV
  • Schnittstellen: Kassetten-Interface (optional für 75 Dollar)
  • Originalpreis: 666,66 US-Dollar

Literatur

Linzmayer, Owen W. (2000), Apple – streng vertraulich!, Midas Management Verlag AG, CH-8004 Zürich, Copyright © 2000, ISBN 3-907100-12-3
Owad, Tom (2005). Apple I Replica Creation: Back to the Garage. Rockland, MA: Syngress Publishing, Copyright © 2005, ISBN 1-931836-40-X

Weblinks

Apple I Artikel bei Apple-History.com
8-Bit-Nirvana: Apple I
Replica 1 ein Clone des Apple I Computers
A-ONE ein weiterer Clone des Apple I Computers
Apple I User Club
Der Ur-Vorgänger des Mac: Apple I

Zitiert aus Artikel Apple I. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie.
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Apple_I&oldid=49593809
Datum des Abrufs: 14. September 2008, 12:05 UTC

Apple II

Der Apple II ist der Nachfolger des Apple I und wurde von Steve Wozniak entwickelt und von Steve Jobs (beide Gründer von Apple) ab April 1977 vermarktet. Bald erschienen diverse illegale Apple-Clones, auch von Heimwerkern selbst gebaute, da in den frühen Apple-II-Modellen nur leicht erhältliche Standard-Chips verwendet wurden. Legale Clones zu bauen war fast unmöglich, da Apple die Firmware nicht lizenzierte (außer ITT 2020), und, da noch keine saubere Einsprungtabelle existierte, die Entwicklung einer kompatiblen, aber nicht identischen Firmware im Gegensatz zum späteren IBM-PC schwierig war. Erst Mitte der 1980er Jahre kam mit dem Laser 128 ein weitgehend kompatibler und zugleich legaler Clone auf den Markt.

Die Apple-II-Reihe wurde von 1977 bis 1993, also etwa 16 Jahre, gebaut. In dieser Zeit wurden über zwei Millionen Original Apple-II-Computer hergestellt. Die ungezählten Nachbauten dieser Baureihe sind in dieser Zahl nicht erfasst.

Die Baureihe war so erfolgreich, weil der Rechner ein offenes System war. Man konnte für die Slots des Apple II die unterschiedlichsten Karten kaufen oder sogar selbst zusammenlöten. Es gab Speichererweiterungskarten, Steuerungskarten (Hobby: z. B. auch für Fischertechnik-Baukästen, aber auch für die Industrie/Forschung: I/O-Karten), Grafikkarten usw.

Die Software für den Apple war meist innovativer als bei der Konkurrenz. Das Programm VisiCalc war die erste Tabellenkalkulation für Microcomputer überhaupt. Das Programm AppleWorks war das erste Programm, das eine Textverarbeitung, eine Tabellenkalkulation und eine Datenbank in einem Programm vereinigt hat.

Der Apple II gehörte (zusammen mit den gleichzeitig vorgestellten Commodore PET 2001 und Tandy TRS-80) zu den ersten drei Mikrocomputern, die nicht als Bausatz, sondern als fertige Geräte verkauft wurden. Üblich war es zur damaligen Zeit, dass sich der Käufer zumindest selbst um eine passende Tastatur und einen Monitor kümmern musste, teilweise wurden auch nur nackte Platinen ohne Netzteil und Gehäuse als Computer verkauft (so wie das erste Apple Modell, der Apple I).

Artikel Apple II. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 18. Mai 2008, 00:53 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Apple_II&oldid=46173222 (Abgerufen: 29. Mai 2008, 20:46 UTC)

Dieser Eintrag steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation (GNU FDL).

One thought on “Der Urknall auf einer Platine: Wie Steve Wozniaks Apple I die Computerwelt neu definierte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert